Akzeptanz: Erlauben – Sein lassen

von Segal, Williams, Teasdale, Kabat-Zinn

Die Grundlage dieser Praxis ist das achtsame Gewahrwerden dessen, was sich gerade im Vordergrund unserer Erfahrung von Augenblick zu Augenblick befindet. Wenn der Geist wiederholt zu einem bestimmten Ort gezogen wird, zu bestimmten Gedanken, Gefühlen oder Körperempfindungen, dann werden wir uns mit Absicht und fester und freundlicher Achtsamkeit dieses Ortes bewusst. Das ist der erste Schritt. …

Der zweite Schritt ist, so gut wir können zu bemerken, wie wir uns auf das beziehen, was an dem Ort auftaucht. Oft können wir bei einem auftauchenden Gedanken, einem Gefühl oder einer Körperempfindung sein, aber in einer nicht-akzeptierenden, reaktiven Weise. Wenn wir sie/ihn/es mögen, neigen wir dazu, sie/ihn/es festhalten zu wollen; wir werden anhaftend. Wenn wir sie/ihn/es nicht mögen, weil sie/er/es unangenehm ist, schmerzhaft oder unbequem auf  irgendeine Art und Weise, dann neigen wir dazu, uns zurückzuziehen, das wegzuschieben aus Angst, Irritation oder Genervtsein. Jede dieser Reaktionen ist das Gegenteil von Annehmen, Akzeptanz.

Der einfachste Weg, sich zu entspannen, beginnt damit, dass wir aufhören, die Dinge anders haben zu wollen. Akzeptierende/annehmende Erfahrung heißt nichts anderes, als Raum zu erlauben für das, was gerade geschieht, anstatt zu versuchen, einen anderen Zustand hervorzubringen. Durch das Annehmen richten wir uns wieder im Gewahrsein dessen, was gerade ist, ein. Wir lassen es so sein, wie es ist – wir bemerken und beobachten einfach das, was bereits da ist. Auf diese Art und Weise können wir mit Erfahrungen umgehen, die unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf sich ziehen.

Wenn sie zum Beispiel bemerken, wie ihre Aufmerksamkeit immer wieder vom Atem weggezogen wird zu körperlichem Unwohlsein, Gefühlen oder Empfindungen, dann ist der erste Schritt, diese körperlichen Empfindungen wahrzunehmen und den Fokus des Gewahrseins auf die Stelle zu richten, an der diese Empfindungen am stärksten sind. Der Atem ist dabei ein nützliches Vehikel – genauso, wie Sie es im Body Scan geübt haben, können sie mit freundlichem und sanftem Gewahrsein zu diesem Teil ihres Körpers gehen, indem sie dort „hineinatmen“ mit dem Einatmen und „von dort ausatmen“ mit dem Ausatmen.

Wenn ihre Aufmerksamkeit sich auf die körperlichen Empfindungen gerichtet hat und diese Stelle in ihrem Gewahrsein ist, dann sagen sie zu sich selbst: „Das ist in Ordnung, das ist ok. Was immer es ist, es ist ok. Ich bin bereit, es zu fühlen.“ Dann bleiben sie bei dem Gewahrsein dieser körperlichen Empfindungen und ihrer Beziehung zu ihnen, atmen mit ihnen, akzeptieren sie, lassen sie da sein. Es könnte hilfreich sein, zu wiederholen: „Das ist in Ordnung, das ist ok. Was immer es ist, es ist ok. Ich bin bereit, es zu fühlen.“ Und jedes Ausatmen zu nutzen, um die Empfindungen weicher werden zu lassen und sich den Empfindungen zu öffnen, die sie wahrnehmen.

Annehmen heißt nicht resignieren: Akzeptanz, als lebendiger erster Schritt, erlaubt uns, Schwierigkeiten vollständig wahrzunehmen und dann, wenn es angemessen ist, in einer geschickten Art und Weise mit ihnen umzugehen, anstatt in einer Hauruck-Version auf sie zu reagieren, indem wir automatisch unsere (oftmals wenig hilfreichen) Strategien laufen lassen, mit denen wir üblicherweise unseren Schwierigkeiten begegnen.

Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt!

S. H. XIV. Dalai Lama

© Williams, Mark / Teasdale, John / Segal, Zindel / Kabat-Zinn, Jon: Der achtsame Weg durch die Depression, Arbor Verlag, Freiburg 2015, www.arbor-verlag.de.

Mit freundlicher Erlaubnis des Arbor Verlages.